Freitag, 26. Oktober 2012

Über Gefahren von Konsum

Es gab in verschiedenen Blogs ein paar Überlegungen zum Thema Stil. Ich habe mir auch Gedanken dazu gemacht. Mein eigener Stil beinhaltet im Grunde alles, was ich selbst schön finde. Manchmal kommt es vor, daß ich etwas an anderen Frauen schön finde und versuche, es für mich zu adaptieren, aber es mir dann an mir überhaupt nicht gefällt. Wenn man für sich selbst nähen kann, ist man dann auch zum Glück nicht mehr ganz so abhängig von der Modeindustrie. Wie oft habe ich mir schon ein Kleidungsstück oder Schuhe gewünscht, die es aber nirgendwo zu kaufen gab, weil es eben nicht trendy war. Da werde ich durch DIY immer freier.
Allerdings kann man sich den Einflüssen aktueller Trends trotzdem nicht gänzlich entziehen, außer man ist blind ;-). In Berlin fällt mir das besonders auf. Man denkt ja, in einer so großen Stadt mit multikulti und Anonymität und so vielen verschiedenen Menschen, gäbe es auch tausende verschiedene Stile. Stattdessen springen einem die Hipster, die alle gleich aussehen, förmlich ins Auge. Beim ersten Blick auffällig gekleidet, beim zweiten seltsam uniformiert. Es ist natürlich immer Geschmacksache, aber ich finde, sie sehen oftmals aus, als hätten sie sich für eine Bad-Taste-Party verkleidet. Eine Generation der großen Anführungszeichen. Alles ist witzig, alles ist hip, aber so richtig stehen kann man da nicht zu, daß man es geil findet. Ist es auch nicht. Ich stehe da mehr auf Authentizität. Sachen auch wirklich so meinen.
Da gerate ich natürlich auch manchmal unter einen gewissen Druck. Daß ich vorm Spiegel stehe und denke: Kann ich so aus dem Haus gehen? Das finde ich dann selbst etwas seltsam und frage mich, wann ich eigentlich so unsicher geworden bin. Als 17jährige habe ich ja auch drauf geschissen, was die Leute aus unserem Dorf oder in der Schule so denken. Blöde Sprüche sind an mir abgeprallt. Interessiert es mich jetzt mehr, was fremde Leute über mich denken? Vielmehr interessiert es mich, was nicht fremde Menschen über mich denken. Aber ich bin zu dem Schluß gekommen, daß die mich erstens mögen sollen, wie ich bin und zweitens es kein Untergang ist, wenn sie mal ne Klamotte nicht schön finden. Ich kehre hoffentlich wieder dahin zurück, wo ich mit 17 schon war und verbiege mich nicht.
In Zeiten von DIY und Onlineshops habe ich jetzt viel mehr Möglichkeiten, Sachen zu finden, die ich toll finde. Das hat dann auch den großen Vorteil, daß sie dann auch passen. Was Kleidergrößen betrifft weicht mein Körper extrem von der Norm ab. Kleiner Busen, wenig Taille, dafür mehr Hohlkreuz und eine extrem gebärfreudige Hüfte. Find da mal Klamotten. Früher hab ich immer oben eine 36 und unten ne 38 bis 40 gekauft. Kleider gingen nur, wenn sie um die Hüfte weit waren. Und was heißt eigentlich Norm? Uns Frauen wird weisgemacht, die Norm sei eine Größe 36 und bitte an den richtigen Stellen ausgefüllt. Wenn man sich dann aber die Gesamtheit der Frauen anschaut, stellt man dann auch schnell fest, daß nur die wenigsten Frauen dieser utopischen Norm entsprechen. Aber warum versuchen wir Frauen uns ständig diesem Bild der Industrie anzupassen, statt daß sich die Industrie an uns anpasst? Manche Firmen betreiben Marktforschung mit dem Ziel herauszufinden, welche Produkte wirklich gebraucht werden. Die Modeindustrie aber stellt einfach die unwirkliche Lana del Rey vor eine weiße Wand und alle Frauen reißen sich um die Klamotten in der Hoffnung, daß ein wenig Glamour auf sie abfärbt. Dabei ist Lana del Rey auch nur ein gut ausgeklügeltes Marketingprodukt. Wunderschön und unecht. Die neue 60er Jahre Barbie jetzt als Schaufensterpuppe bei H&M.
Wir Frauen können uns selten bis gar nicht dagegen wehren, was uns seit jeher von der Gesellschaft eingebleut wird. Wir wollen schön sein! Wir machen uns Gedanken über Stil, zwängen uns in Highheels und schöne Unterwäsche und unterstützen eine Industrie, die uns klein macht und abhängig hält, damit wir auch bloß unser ganzes Geld dorthin bringen.
Auch ich finde mittlerweile Absatzschuhe wunderschön und suche ständig welche, die nicht so unbequem sind. Für die Wirbelsäule ist das bestimmt nicht gut. Ab und zu verschlägt es mich auch in die Unterwäscheabteilung. Wenn mich das nicht so ärgern würde, würde es mich vielleicht auch klein machen, daß BH´s in meiner Größe immer super ausgestopft und gepolstert sind. Aus dem Grund ziehe ich auch nur Unterhemden an. Das reicht mir und da zwängt und piekst auch nichts. Aber schön finde ich Spitzenunterwäsche wohl auch. Zum Glück sind wenigstens die Zeiten vorbei, in denen ich unglücklich über die schlechte Passform von Kaufkleidung war.
Aber wie viele Mädchen und Frauen fühlen sich aus den Gründen klein und wertlos? Kriegen eine Essstörung oder legen sich mit 18 unters Messer?
Für wen oder was tun wir das? Die erste Antwort ist meistens, daß wir das für uns tun. Wir ziehen für uns unbequeme Schuhe und körperformende pieksende Klamotten an und gehen Risiken einer Niereninsuffiziens und einer Operation ein? Ahso, hmm, bissel masochistisch oder was? Eine andere Antwort lautet, wir tun das, um für Männer attraktiv zu sein. Wenn man aber Männer fragt, finden sie uns ungeschminkt und natürlich aber viel schöner. Klar finden die es auch mal sexy, wenn wir Highheels tragen und schöne Unterwäsche, aber sie erwarten es nicht von uns. Also für wen oder was tun wir das?
Und was können wir dagegen tun?
Die meisten Frauen reagieren positiv überrascht auf Kataloge, Schnittmustersammlungen oder Strickbücher mit normal figürlichen Frauen. Vielleicht ist es ja auch wieder nur ein Marketingprodukt, aber ich würde viel lieber dort einkaufen, wo ich als Frau mit normabweichender Figur angenommen werde. Ich habe schließlich meine Kaufkraft selbst in der Hand.

Kommentare:

  1. Ein toller Text! Ich kam eigentlich über deinen MMM Beitrag - dein Outfit da ist auch toll!! Und aus Berlin bist du auch, ich werd hier gerne weiterlesen!
    Lg Catherine

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  2. Dankeschön! Das freut mich wirklich, daß du das sagst, da mir das aus deinem Mund ne Menge bedeutet! Ich verfolge deinen Blog besonders auch wegen der politisch motivierten Texte.
    LG Lotti

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    1. Schreib mir doch mal eine mail bitte! catundkascha/gmx.de

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  3. Ich glaube, was wir dagegen tun können, ist, eine entsprechende Einstellung an unsere Kinder zu vermitteln. Neulich ist meine 12-jährige Tochter von einer anderen 12-jährigen angemacht worden, warum sie sich nicht schminkt. So würde sie später sicher keinen Freund finden. Ich bin so stolz auf sie, dass sie geantwortet hat, sie braucht das nicht.

    Anna

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    1. Da hast du wohl recht. Andererseits ist der Einfluss der Umwelt außerhalb des elterlichen Hauses während der Pubertät meiner Meinung nach unglaublich groß. Ich denke daran, daß ich diverse Komplexe bekommen habe, obwohl meine Eltern z.B. immer gesagt haben, wie hübsch sie mich finden...
      Aber sicher ist es das Wichtigste, Kindern irgendwie nen Haufen Selbstwertgefühl zu vermitteln. Die Frage ist nur manchmal wie...
      LG Lotti

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Vielen Dank für deinen Kommentar. Auch wenn ich nicht immer antworte, lese ich jeden Kommentar und freue mich sehr darüber.